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Tango mit Gisela y Sergio

Sergio y GiselaGisela Graef-Marino und Sergio Molini zählen zu den bedeutendsten und ausdrucksstärksten Tangotänzern. Seit vielen Jahren tanzen sie in anspruchsvollen Bühnen-Produktionen mit renommierten Orchestern. Der Tango von Gisela und Sergio stellt eine herausragende Synthese aus tänzerischem Können, virtuoser Kreativität und innigem Ausdruck dar. „Die Ausdruckskraft des Tango liegt in seiner emotionalen Stärke. Der improvisierte Dialog ist eine feierliche Herausforderung an unsere eigene Kreativität.“ Gisela und Sergio zeigen Wege auf, diese eigene Kreativität zu entdecken und machen sie mit der Bewußtwerdung der Bewegungsabläufe erfahrbar.

„Wir versuchen, die Menschen sich selbst innerlich gut fühlen zu lassen.“

Gisela Graef-Marino aus Chile studierte klassischen Tanz und Modern Jazz in Santiago de Chile, New York und Paris. Sergio Molini aus Argentinien absolvierte die Tanzausbildung bei Maurice Béjart in Belgien. Beide arbeiten seit Jahren sehr erfolgreich als Tänzer, Choreographen und Lehrer. Seit 1997 leiten sie eine Tangoschule in Humbeek bei Brüssel.

Der Workshop umfasst zwei Stunden an fünf Tagen in Gruppen mit nicht mehr als zehn Paaren. Dies gewährleistet eine intensive Arbeit im Unterricht. Privatstunden können zusätzlich vereinbart werden.

Unterrichtssprache ist deutsch.

 

Die Technik der Sensation - Ein Gespräch mit Gisela y Sergio

Gisela Graef-Marino aus Chile und Sergio Molini aus Argentinien sind als Tanzpaar für viele Menschen eine Quelle der Inspiration.

Das Gespräch führten Ard & Liselot aus Arnheim, Übersetzung: Ingrid Johannkemper

 

Wie war Eure erste Begegnung mit dem Tango?

Gisela: Es war 1984 in Paris. Es gab eine Tango-Performance und einer der Tänzer suchte nach einer Partnerin. Da ich Tänzerin bin, brachte man uns in Kontakt. Schritt für Schritt begann ich den Tango zu lernen und auf diese Weise nahm ich an der Performance teil. Als erstes brachte die Musik etwas in mir zum Klingen, den Tanz entdeckte ich dann Schritt für Schritt. Es war etwas besonderes, denn ich hatte immer alleine getanzt und beherrschte deshalb die Technik. Mit dem Tango lief es ganz anders und es brauchte einige Zeit, bis ich den Tanz wirklich verstand und mich mit ihm identifizieren konnte. Mit den Jahren wurde mir bewußt, daß dieser Tanz sehr eng mit dem Leben verbunden ist.

Sergio: Ich war in Buenos Aires und mochte die Musik nicht; ich hörte sie die ganze Zeit. Auch meine Eltern spielten ständig diese Musik und als ich noch ganz klein war, mochte ich sie noch weniger. Eines Tages, ich arbeitete im Theater von San Martìn, sah ich eine Tango-Show, die mich wirklich mitriß. Das, dachte ich bei mir, würde ich auch gern machen. Als ich nach Europa kam, begann ich ernsthaft mit dem Tango. Ich war fasziniert von dieser Bewegung zwischen Mann und Frau.

Ihr beide habt eine Vergangenheit als Tänzer vor dem Tango. Wie ist es, wenn man von Eurer Position mit dem Tango tanzen beginnt?

Gisela: Es ist ein ziemlich großer Unterschied, denn wenn du allein tanzt, benutzt du eine andere Art von Energie. Im Tango gibt es zwei: Zwei Achsen, zwei Energien, die sich vereinigen wollen. Außerdem ist die Technik des klassischen Balletts und die des Tangos in ihren Ursprüngen grundverschieden. Beim Ballett bewegt sich alles die ganze Zeit nach oben. Beim Tango ist es anders und du mußt Sachen immer wieder wiederholen, bis alles praktisch in den Boden getanzt wird. Es braucht eine Menge Zeit, bis du die Kraft des Bodens nutzen kannst, um dich gemeinsam als Einheit bewegen zu können. Aber wenn wir uns über den Tanz unterhalten, können wir die Musik nicht außen vor lassen, denn die Musik ist sehr stark mit unserer Arbeit verbunden.

Sergio: Als Tänzer konnte ich sehr schnell lernen, aber ich erlaubte mir nicht gründlich genug zu lernen. Einerseits ist das ein nützlicher Vorteil, andererseits konnte ich so dem Tanz nicht wirklich auf den Grund gehen. Die Bewegungen, die ich schnell erlernte, mußte ich erneut ergründen, aber diesmal genauer. Irgendwann fand ich meine Achse und bald darauf die meiner Partnerin. Ich habe gelernt mit jedem Schritt meine Wurzeln zu erfühlen. Ich habe gelernt, alleine zu tanzen, zu meinem eigenen Vergnügen und nicht, um mich zur Schau zu stellen, oder anderen etwas zu beweisen. Diese Entwicklung hat mich viel Zeit gekostet und sie schreitet immer noch voran. Das ist es, wie ich heute versuche zu mir selbst zu finden.

Ich war sehr überrascht zu lesen, daß Du, Sergio, auch mit dem "Ballett du XX-ieme Siecle von Maurice Béjart getanzt hast und daß Du, obwohl Du ein Schultänzer gewesen bist, den Tango so pur tanzt. Ich finde das außergewöhnlich, denn die meisten Schultänzer kannst du sofort erkennen, wenn sie mit dem Tango beginnen. Ich habe das bei Dir nicht bemerkt.

Gisela: Ja, das ist wahr. Es ist ein sehr langer Weg. Du siehst es sofort, wenn Tangotänzer ausgebildete Tänzer sind, denn sie haben eine bestimmte Einstellung und sind oft sehr selbstdarstellerisch orientiert. Aber es stimmt, daß, wenn du dich in deinen Gedanken, deiner Seele, in deinem Innersten entscheidest Tango zu tanzen, daß du alles vergessen mußt und dich auf dein Innerstes konzentrieren mußt. Denn dort liegt die Schönheit dieses Tanzes. Wenn du in dir harmonisch bist, kannst du die Schönheit des Tanzes auch nach außen bringen. Aber wenn du nach Äußerlichkeiten strebst, klappt es nicht. Die Schönheit liegt woanders. Einige Dinge sind rein und andere nicht; sie können schön sein, doch das ist etwas anderes. Ihr wart beide in Argentinien und habt sicher Menschen gesehen, die nicht so hübsch sind, aber wenn sie tanzen, ist es wie Magie. Es gibt etwas, das real ist und das kannst du ihnen nicht nehmen.

Glaubt Ihr, daß man Tango auch zu anderer Musik tanzen kann?

Gisela: Nein, das ist nicht dasselbe. Alles ist eins, der Tanz, die Erinnerungen. Alles ist verbunden mit der Musik. Und warum solltest du auch? Der musikalische Ausdruck und der Tanz gehören zusammen. Es gibt einen Ausdruck, und der Ausdruck des Tanzes und der der Musik stimmen mit diesem überein.

Wer sind für Euch im Tango Lehrer oder Beispiele?

Gisela: Seit ich angefangen habe, gibt es viele Leute, die meine Arbeit in den letzten vierzehn Jahren, die ich Tango tanze beeinflußt haben. Ich habe zum Beispiel mit Pepito, Gustave Naveira, Eduardo und Pablo Veron gearbeitet. Jeder von ihnen hat mir einen anderen Aspekt des Tangos vermittelt. Ich hatte viel Arbeit und reiste viel und gab viele Vorstellungen, auch in Buenos Aires. Aber als ich Sergio traf- sogar am Anfang tanzten wir beide auf unterschiedliche Weise- fühlten sich viele Dinge richtig an und die Chemie stimmte und etwas wurde in Bewegung gesetzt, das sich noch immer bewegt. Als wir uns begegneten, war dies ein Ende und ein Anfang.

Ist es Euch möglich, dieses Gefühl an Eure Schüler weiter zu vermitteln?

Gisela: Ich glaube, das wichtigste an unserer Arbeit sind nicht die Schritte und Figuren. Es ist mehr die Arbeit an der Beziehung zueinander; es geht darum, daß der eine mit dem anderen verbunden ist, und es geht um die harmonische Balance zwischen zwei Personen.

Gibt es eine bestimmte Technik, die mit dieser Arbeit eins ist?

Sergio: Du mußt die Wurzeln jeder Bewegung erkennen und um das zu erreichen, mußt du gelöst sein und mußt deine eigene Achse gefunden haben. Der Mann und die Frau müssen ihre Achse in demselben Augenblick finden. Da beginnt dann unsere Arbeit mit verschiedenen Übungen. Es ist besonders die Bewußtmachung des Bodenkontaktes für den Mann und die Frau, die wir unterrichten.

Gisela: Man kann sagen, daß wir in unseren Stunden versuchen eine bestimmte Art der Empfindung, die wir kennen an unsere Schüler weiterzugeben. Tatsächlich, das Erinnern an eine bestimmte Art der Empfindung hilft dir mit dem, was du erreichen möchtest.

Sergio: Wir versuchen darüber hinaus den Schülern verständlich zu machen, daß eine Bewegung oder Figur niemals das Gefühl des gemeinsamen Tanzens stören darf. Es gibt immer das Paar und seine Körper, die gemeinsam nach dem Schritt oder der Figur suchen müssen. Ein bestimmter Schritt darf nicht dazwischen kommen. Dann erst kann im Paar Harmonie entstehen. Wir machen Übungen, so daß das Paar zu den Schritten und Figuren finden kann. Zum Beispiel arbeiten wir an Figuren, doch die Botschaft, die wir rüber bringen wollen, wendet sich an das Paar. An das Paar und wie sie gemeinsam diese Figur machen können.

Wie geht Ihr mit den Begriffen "Führen" und "Folgen" um?

Gisela: Wir haben herausgefunden wie wichtig die Worte sind, die du als Lehrer benutzt. Wenn die Leute von Führen und Folgen reden, sind das für unsere Arbeit keine hilfreichen Begriffe. Er ist derjenige, der "führt, aber er führt nicht jemanden, der passiv ist und folgen muß. Er zeigt der anderen den nächsten Schritt. So ergreift er die Initiative, der anderen den Weg zu zeigen. Sie ist nicht eine, die unwissend folgt. Dieses Konzept ist wichtig.

Also ist "Führen" aktiv ebenso wie passiv, und "Folgen" ist nicht nur passiv, sondern auch aktiv?

Gisela: Sie sind beide zusammen. Du mußt darauf achten, was der Andere macht. Er muß darauf hören und warten. Niemand tanzt für sich. Um im Gleichgewicht in ihrer Rolle zu sein, darf die Frau nicht folgen. Ihre Rolle hat ihre eigene Noblesse. Sie ist aufnehmend und damit jemand, der harmonisiert und neutralisiert. Sie ist auch wie eine Säule, die Festigkeit und Sicherheit gibt, sie muß das Restliche geben. All das beinhaltet die Rolle der Frau. Und das mit einer bestimmten Art von Frieden, nicht nervös. Und sie muß es lösen; sehr intelligent, ruhig, ohne ihr Gleichgewicht und ihre Integrität zu verlieren. Ein Mann kann seine Freiheit nur dann finden, wenn sie all dies einhält.

Sergio: Für den Mann ist es manchmal schwierig, eine Frau zu finden, die immer präzise ausbalancieren kann. Nicht nur im Sinn von Gleichgewicht. Wenn zum Beispiel der Mann nervös ist oder rastlos eine Bewegung macht, ist es oft so, das sich das auf die Frau überträgt. Dann ist es schwierig zu improvisieren, denn es gibt keine Ruhe. Der Mann darf nervös sein, sie nicht. Sie offeriert Ruhe. Für den Mann ist es eines der schwierigsten Dinge, sich Zeit zu nehmen. Sich Zeit zu nehmen, um Informationen zu geben und sich die Zeit zu nehmen, die sie benötigt, um die Information zu verstehen. Es wird interessant, wenn er beginnt sensibel für die Zeit zu werden, die sie braucht, um seine Informationen zu verstehen. Das kreiert den Dialog des Tanzes. Und manchmal, wenn die Frau sich auf das gleiche Level bringt wie der Mann kommt die Nachricht nicht rüber. Das Gleichgewicht verschwindet. Wenn sie sofort aktiv wird, wenn er eine Information gibt, fehlt der Austausch. Es ist immer ein "hin und her; ein Austausch und der wird in Bewegung umgesetzt. Die Frau muß den Mann wissen lassen, daß sie auf etwas wartet. Sie ist bereit, Informationen aufzunehmen, aber sie folgt dem Mann nicht. Sie folgt nicht.

Gisela: Du siehst oft, daß die Frau etwas vorwegnimmt.

Sergio: Aber sie nimmt etwas vorweg, weil sie folgt.

Gisela: Es ist die Idee. Ich würde sagen, dies ist im größten Teil unserer Stunden Thema: Der Frau zu erklären, daß sie abwarten und ruhig sein muß, denn die Frau will - wie auch im Leben - alles lösen, lösen, lösen. Wenn sie tanzt, versucht sie es auch. Sie möchte alles lösen und glaubt, auf die Weise klappt es besser. Sie will dem anderen helfen und kommt ihm entgegen, löst alle seine Probleme. Aber in diesem Tanz ist es das Gegenteil. Das ist übrigens leicht zu sagen, aber schwer umzusetzen. Es ist der Gedanke von einem Konzept, welches sich im Kopf verändert. Denn für alle Frauen, mich eingeschlossen, ist die Art zu agieren die, die ihrem Naturell entspricht. Ihre erste Natur ist zu agieren. Aber zuerst muß sie ruhig im Augenblick und Ort des Seins sein, zurückkehren zur inneren Ruhe und Integrität, nur dann kann sie ihrer Natur gemäß handeln und lösen.

Sergio: Die Menschen können lernen, diese Dinge zu entdecken, aber jeder braucht dafür seine Zeit.

Wie seht Ihr diese beiden Rollen, wenn Ihr eine Choreographie tanzt und beide glaubt zu wissen, welche Bewegung die nächste sein wird ?

Gisela: In einer Tango-Choreographie, wenn sie wirklich gut gemacht ist, muß sie auf der Basis der Improvisation ablaufen, sonst verläßt sie die Prinzipien des Tangos. Ohne dies ist sie zwar vielleicht virtuos und fantastisch mit den Beinen und so, aber etwas fehlt und zwar das, was den Tango ausmacht; und als Zuschauer bemerkst du das Fehlende und das dies genau der Tango ist.

Was hältst Du davon, während des Tanzes die Initiative zu ergreifen?

Gisela: Im Prinzip hat die Frau ihre Rolle im Tango und innerhalb dieser Rolle kann sie alles machen, solange sie nicht zwischen die Entscheidung für eine Bewegung kommt und solange sie diese nicht unterbricht. Sie kann etwas mit der Bewegung machen, solange er ihr die Möglichkeit, den Raum und die Zeit gibt. Doch wenn er den Eindruck hat, eine Bewegung zu machen, und sie kommt dazwischen, kann es gefährlich werden. Nur wenn er die Möglichkeiten schafft, kann es ein sehr spannender Dialog werden.

Wenn Ihr Anfänger unterrichtet, was wollt Ihr hauptsächlich vermitteln?

Gisela: Das Konzept, die Basis.

Sergio: Ich glaube, das schwierigste für den Lehrer ist es, die Schüler zu motivieren, nicht zu den Figuren, sondern für das Verhältnis zueinander. Das ist, was interessiert. Denn wenn sie nur die Figuren lernen, werden sie später feststellen, das sie keine weiterreichenden Erfahrungen mit ihrem Partner machen konnten. Weißt du, sie sind von manchen Figuren angezogen, aber nicht wirklich von einander mit einem tiefliegenden Verhältnis. Eine Figur ist Mathematik, und Mathematik ist geistig, aber der Körper ist das nicht. Der Körper ist Gefühl.

Wie sieht es mit dem Tango in Belgien aus? Ist er eine Modeerscheinung oder dort fest im Leben verankert?

Sergio: Ich glaube, im Moment wird in Belgien viel getanzt und das ist gut so. Es gibt Menschen, die eine Weile mit dem Tango wie mit einer Modeerscheinung leben, aber der Tango selbst ist keinesfalls eine Mode. Es ist eine Art des Seins und Tuns. Was zum Beispiel auch in Brüssel besonders schön ist: man kann überall ohne Probleme tanzen. Es gibt eine wunderschöne Harmonie hier und das ist sehr erfreulich.

Seid Ihr idealistisch?

Sergio: Nein, es ist unser Beruf, den wir lieben. Wir machen ihn, so gut wir können, das ist alles. Wir versuchen, die Menschen sich selbst innerlich gut fühlen zu lassen.

 

Wir danken Ard und Lizelot sowie tangodanza für die Erlaubnis, dieses Interview hier einzustellen.
Es erschien in der tangodanza 2/2000.